Was sagt die Hirnforschung zum Nutzen von (Produkt-)Visionen? Ich bin daran höchst interessiert, aber ich weiß es nicht. Was ich allerdings weiß, ist Folgendes:

In der Hirnforschung gibt es einen Bereich, der sich mit Improvisation beschäftigt. Improvisation ist ein kreativer Prozess, Jazz ist dafür ein gutes Beispiel. Wir wissen, dieser Musikstil lebt von Improvisation. Misst man die Gehirnaktivität bei der Improvisation, dann stellt man etwas Spannendes fest: Entgegen der ersten Annahme, dass ein Feuerwerk der Aktivität im Hirn veranstaltet wird, schaltet das Hirn bestimmte Teile stark ab. Klar sind die Teile des Hirns, die für das Hören zuständig sind, sehr aktiv. Aber der frontale Teil des Hirns  (Frontallappen) schaltet sich bewusst weitgehend ab. Genauer gesagt schaltet sich der planerische Teil des Hirns ab – also der Teil, der weiß, was als Nächstes getan wird, der den Schritt nach dem Schritt kennt. Aktiv bleibt allerdings der Teil, der sich den langfristigen Zielen oder Rahmen widmet. Im Jazz wären das dann die kulturellen Grenzen der jeweiligen Zeit (Zeitgeist) und die damit verbundenen Muster.

Zu welcher Schlussfolgerung bringt mich das?

Wenn wir davon ausgehen müssen, dass wir für kreatives Handeln wie bspw. Improvisation sowohl 1.) einen Rahmen zur Orientierung brauchen und wenn 2.) kreative Prozesse planerisches Handeln ausschalten, dann bringt mich das zu Folgendem:

Planen und kreatives Handeln stehen für unser Hirn im Konflikt. Immer wenn wir Neues erschaffen, benötigen wir einen Rahmen, eine Orientierung, eine Marschrichtung, eine langfristig angelegte Mission oder Vision. An dieser Vision richten wir uns aus und im Rahmen der Orientierung können wir kreativ handeln. Den zu genauen Plan schiebt unser Hirn beiseite (sobald wir etwas Neues erschaffen müssen). Der Plan im Vorfeld ist nicht wichtig und kann nicht beachtet werden. Ausgehend von einem sehr groben Zielbild, einer Vision, die als Rahmen dient, orientiert sich unser Hirn an langfristigen Zielen. Diese Ziele müssen bekannt sein und grob vorliegen. In der Agilität schaffen wir eine Vision, arbeiten mit User Stories und in Scrum mit Sprint Goals. Alle drei Artefakte folgen dem groben Rahmen und vermeiden das detailreiche Planen. Könnte unser Hirn die Grundlage für den Erfolg dieser Artefakte sein?

Ob ich damit richtig liege, ich weiß es nicht. Ist es wichtig? Ich denke, nein. Wichtig ist jedoch zu wissen, dass Kreativität viel mit Kontrolle des Hirns über das Abschalten von Hirnaktivität zu tun hat und dass zuviel Detailplanung in kreativen Prozessen teilweise nicht berücksichtigt wird und unnötig ist – zumindest dann, wenn wir einen erneuten kreativen Prozess starten. Vielleicht noch ein belehrender Hinweis zum Schluss: Immer wenn wir neue Anforderungen für unser Produkt angehen, immer dann, wenn wir Software in Schale gießen, dann starten wir einen solchen kreativen Prozess.

Bevor Sie jetzt abschalten, noch eine Frage: “Wie ordnen sich meine obigen Gedanken zu ‘Front-Up-Design’ und zu ‘Emergent-Design’ ein?”

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Sven spricht viele Sprachen: Von Java und Perl über C# bis XML - sogar ein wenig Japanisch kann er. Der erfahrene ScrumMaster, Product Owner und Software-Architekt aus Nürnberg gibt unumwunden zu, dass er gerne und viel redet, vor allem über Agile Softwareentwicklung im Allgemeinen und Scrum im Speziellen. Aber es gibt immer wieder einen Moment, in dem es ihm vor Freude die Sprache verschlägt: Wenn er erlebt, wie die Menschen, die er auf ihrem Weg mit Scrum unterstützt, plötzlich den Wert ihrer Arbeit spüren.