Ich möchte euch eine Geschichte erzählen. Es ist eine alte Sufi Geschichte: Die Geschichte von der Sandwüste. Wer wissen möchte, was Sufis sind: http://de.wikipedia.org/wiki/Sufismus - echt spannend!

Doch hier die Geschichte.

Ein Strom floss von seinem Ursprung in fernen Gebirgen durch sehr verschiedene Landschaften und erreichte schließlich die Sandwüste. Genauso wie er alle anderen Hindernisse überwunden hatte, versuchte der Strom nun auch, die Wüste zu durchqueren. Aber er merkte, dass – so schnell er auch in den Sand fließen mochte – seine Wasser verschwanden. Er war jedoch überzeugt davon, dass es seine Bestimmung sei, die Wüste zu durchqueren, auch wenn es keinen Weg gab. Da hörte er, wie eine verborgene Stimme, die aus der Wüste kam, ihm zuflüsterte: “Der Wind durchquert die Wüste, und der Strom kann es auch.”

Der Strom wandte ein, dass er sich doch gegen den Sand werfe, aber dabei nur aufgesogen würde; der Wind aber kann fliegen, und deshalb vermag er die Wüste zu überqueren.
“Wenn du dich auf die gewohnte Weise vorantreibst, wird es dir unmöglich sein, sie zu überqueren. Du wirst entweder verschwinden, oder du wirst ein Sumpf. Du musst dem Wind erlauben, dich zu deinem Bestimmungsort hinüberzutragen.”

Aber wie sollte das zugehen?

“Indem du dich von ihm aufnehmen lässt.”

Diese Vorstellung war für den Fluss unannehmbar. Schließlich war er noch nie zuvor aufgesogen worden. Er wollte keinesfalls seine Eigenart verlieren. Denn wenn man sich einmal verliert, wie kann man da wissen, ob man sich je wiedergewinnt?

“Der Wind erfüllt seine Aufgabe”, sagte der Sand. “Er nimmt das Wasser auf, trägt es über die Wüste und lässt es dann wieder fallen. Als Regen fällt es hernieder, und das Wasser wird wieder ein Fluss.”

“Woher kann ich wissen, ob das wirklich wahr ist?”

“Es ist so, und wenn du es nicht glaubst, kannst du eben nur ein Sumpf werden. Und auch das würde viele, viele Jahre dauern; und es ist bestimmt nicht dasselbe wie ein Fluss.”

“Aber kann ich nicht derselbe Fluss bleiben, der ich jetzt bin?”

“In keinem Fall kannst du bleiben, was du bist”, flüsterte die geheimnisvolle Stimme. “Was wahrhaft wesentlich an dir ist, wird fortgetragen und bildet wieder einen Strom.”

Und der Strom ließ seinen Dunst aufsteigen in die Arme des Windes, der ihn willkommen hieß, sachte und leicht aufwärts trug und ihn, sobald sie nach vielen, vielen Meilen den Gipfel des Gebirges erreicht hatten, wieder sanft herabfallen ließ.

Der Strom lernte. Und wurde mit jedem Tag besser.

Wer werde ich danach sein?

Schöne Geschichte, oder? Aber was hat das mit Scrum zu tun? Ich finde, diese Geschichte stellt wunderbar bildhaft dar, was bei einer Scrum-Einführung mit den beteiligten Menschen passiert. Zuerst ist man mit den alten Methoden erfolgreich. Man passiert so manche Engstelle und überwindet  so manche Stromschnelle. Alles funktioniert gut und man kommt weiter, wie der Fluss in seinem gewohnten Flussbett. Man hat seinen Status und hat sich einen Namen gemacht.

Doch dann tritt eines Tages ein Problem auf, das mit den üblichen Bewältigunsstrategien nicht mehr zu lösen ist. Wie der Fluss auf die Sandwüste trifft und all sein Wasser versickert, so sehr er es auch versucht, sind die alten Lösungsstrategien nicht mehr erfolgreich. Von außen erhält man einen Ratschlag, wie  z. B. die Einführung von Scrum. Aber zugleich wird auch klar, dass man bei der Einführung von Scrum viele alte Gedankenmuster loslassen muss und dadurch entsteht natürlicherweise Verunsicherung und auch Angst bei allen Beteiligten.

“Wer werde ich danach sein?”, fragt der Fluss. Mich hat ein Seniorarchitekt genau das bei der Scrumeinführung gefragt. Wer werde ich sein, wenn ich nicht mehr Seniorarchitekt bin? Wenn das nicht mehr auf meiner Visitenkarte steht. Und ich habe ihm das gesagt, was die Stimme dem Fluss sagt: “Das Wesentliche von dir wird bleiben – du mit deinen Fähigkeiten und deiner Persönlichkeit.” Nur der alte Status bleibt zurück, nichts als eine Bezeichnung. Bring dich mit all deinen Fähigkeiten ein, und du wirst automatisch eine wichtige Rolle spielen. Unnötig zu sagen, dass er glücklich und zufrieden mit Scrum wurde.

Denn genau darum geht es bei der Scrum-Einführung: Alte Gedankenmuster zurücklassen, seine eigentliche Potentiale zu entdecken und entwickeln, den Menschen wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Und eine ganz neue Art der eigenen Arbeit und der Zusammenarbeit mit den Kollegen zu entdecken.

Scrum ist also mehr als ein Change, es es ist mehr eine Transformation, in der alles Alte hinterfragt wird und nur das, was wirklich gut ist, bleibt.

Und jetzt lest doch einfach die Geschichte nochmal und überlegt, wo die Parallelen zu Scrum sind. Vielleicht findet ihr noch viel mehr als ich.

Avatar of Bettina Oebbeke
Schnittstellen, Architekturen, organisches Wachstum – das alles hat Bettina Oebbeke schon einmal in Grün erlebt. Ihr ursprünglicher Plan war nämlich ein Leben als Landschaftsplanerin. Unter anderem hat sie an der größten Umweltverträglichkeitsprüfung Europas mitgearbeitet, bevor sie die Aussicht auf ein Beamtendasein auf neue Bahnen lenkte. Da Bettina (zweiter Vorname: „Change“) nicht in Sicherheiten, sondern in Entwicklungschancen denkt, machte sie einfach ihre zweite Leidenschaft – die Technik – zum neuen Aufgabenfeld. Innerhalb kurzer Zeit wuchs sie von der Systemanalytikerin zur Abteilungsleiterin heran, die mit einem instinktiv agilen Führungsstil und dem Commitment ihrer international verteilten Teams erfolgreich Scrum einführte.