Die Psyche ist ein konservatives Konstrukt. So kommt es, dass wir tun was wir gewohnt sind und nicht, was uns gut tut. Jeder, der einmal versucht hat, mit etwas Schädlichem wie z.B. dem Rauchen aufzuhören, kennt das. Auch bei der Einführung von Scrum ist das nicht anders. Die alten Vorgehensweisen sind eingeschliffen und die neue Disziplin ist doch noch schwer einzuhalten, obwohl man ja überall lesen kann, dass man mit Scrum so tolle Verbesserungen herbeführen kann.

Aber wie kommt das? Dass wir immer wieder Dinge tun, die uns nicht gut tun, dass es so schwer ist sich zu ändern. Von anderen ganz zu schweigen.

Psychologisch gesehen ist alles, was jetzt ein Problem ist, einmal eine Lösung gewesen, eine Überlebensstrategie. Selbst das schädliche Rauchen hat irgendwann etwas Gutes für uns gebracht – so führen die Substanzen im Tabak dazu, dass wir ruhiger werden und unsere Belohnungszentrum im Gehirn angesprochen wird. Wir fühlen uns wohler, wir haben also einen kurzfristigen Gewinn. Und wir wiederholen dieses zunächst erfolgreiche Verhalten. Auch die klassischen Methoden des Projektmanagements waren ursprünglich besser als das unorganisierte Chaos in Projekten.

Physiologisch werden dabei immer mehr neuronale Verknüpfungen im Gehirn angelegt. Je häufiger die Wiederholung, desto mehr Verknüpfungen entstehen. Norman Doidge hat in seinem Buch „The Brain That Changes Itself“ einen sehr bildhaften Vergleich dafür gefunden: Unsere Denkgewohnheiten schaffen neuronale Pfade im Gehirn, ähnlich einem Schlitten, der sich seinen Weg durch den Schnee bahnt. Nehmen wir immer denselben Weg, gräbt sich seine Spur ein. Je öfter, umso tiefer und mit der Zeit folgt der Schlitten der Spur fast von alleine. Etwas ist zur Gewohnheit geworden.

Wollen wir nun unsere Gewohnheit ändern, ist es so als ob wir mit dem Schlitten eine neue Spur ziehen. Wir müssen den Schlitten bewusst umsetzen und eine neue Spur anlegen. Und damit ist es leider nicht getan. Diese Spur ist natürlich lange nicht so tief  wie die alte, gewohnte, sodass insbesondere unter Stress unser Gehirn dazu neigt, die tiefere Spur zu nehmen. Wir müssen also die neue Spur immer wieder bewusst befahren, bis sie genauso tief wie die andere ist. Wird die alte Spur nicht mehr so oft benutzt, kann sie sozusagen auch wieder zuschneien. Das heißt, unser Gehirn baut neuronale Verknüpfungen auch wieder ab. Das nennt man nutzungsabhängige Neuroplastizität des Gehirns. Toller Begriff, oder?

Diesen bildhaften Vergleich erzähle ich oft, wenn es bei der Einführung von Scrum Schwierigkeiten gibt und die Beteiligten mutlos werden oder sich schwer tun. Und ich ermutige sie immer wieder, sich ganz diszipliniert an die Vorgaben von Scrum zu halten, z.B. die Regeln beim Daily. Das immer wiederkehrende Einüben führt zum schnelleren Aufbau von Verknüpfungen im Gehirn. Je öfter man übt, umso leichter wird es. Und nachher geht es von ganz allein. Beobachtet euch mal ganz bewusst dabei!

Übrigens, wenn man etwas mit Freude tut, geht das Ganze schneller. Denn positive Emotionen fördern die Bildung von neuen neuronalen Verknüpfungen.

 

Literatur
Doidge, N. (2007). The Brain That Changes Itself. Viking Adult; Auflage: 1 (15. März 2007)

Schnittstellen, Architekturen, organisches Wachstum – das alles hat Bettina Oebbeke schon einmal in Grün erlebt. Ihr ursprünglicher Plan war nämlich ein Leben als Landschaftsplanerin. Unter anderem hat sie an der größten Umweltverträglichkeitsprüfung Europas mitgearbeitet, bevor sie die Aussicht auf ein Beamtendasein auf neue Bahnen lenkte. Da Bettina (zweiter Vorname: „Change“) nicht in Sicherheiten, sondern in Entwicklungschancen denkt, machte sie einfach ihre zweite Leidenschaft – die Technik – zum neuen Aufgabenfeld. Innerhalb kurzer Zeit wuchs sie von der Systemanalytikerin zur Abteilungsleiterin heran, die mit einem instinktiv agilen Führungsstil und dem Commitment ihrer international verteilten Teams erfolgreich Scrum einführte.
  • http://www.facebook.com/patrick.koglin.1 Patrick Koglin

    Sehr guter Artikel! Danke.