Vor kurzem kam nach einem Review, bei dem ich Gast war, ein ScrumMaster auf mich zu und fragte, ob und wenn ja, woran er erkennen könne, wie sich seine Teammitglieder, Review-Besucher oder Gesprächspartner gerade fühlen. Mit seiner Frage verband er die Annahme, dass ich als Psychologe und Coach doch sicher immer genau weiß, was mein Gegenüber gerade denkt oder fühlt und ob ich Tipps hätte, wie er das erlernen kann. Wie auf Knopfdruck setzte ich mein strahlendstes Lächeln auf und fragte zurück: „Was vermutest du, welches Gefühl ich gerade in mir trage?“ Ohne lange zu überlegen, antwortete der ScrumMaster: „Du bist glücklich. Ich weiß zwar nicht genau, warum, aber dein Lachen war für mich ein Zeichen von Freude. Ich nickte ihm zu und fragte ihn weiter: „Woran hast du das erkannt?“ Er antwortete wieder sehr schnell: „Das war doch kinderleicht. Wenn ein Mensch lacht, dann freut er sich über etwas.“ Wieder konnte ich ihm zu dem Gesagten nur Recht geben.

 

Meistens ist es etwas schwieriger, die Gefühle vom Gesicht des Gegenübers abzulesen.

 

Mit der Frage „Kennst du die sieben Basisemotionen des Menschen?“ setzte ich unser Gespräch fort. Der ScrumMaster antwortete mit einem Kopfschütteln. Ich erläuterte ihm, dass Basisemotionen, auch Grundgefühl oder Primäreffekt genannt, die Gefühle oder Affekte sind, die als wesentlicher Bestandteil jeder menschlichen Existenz verstanden werden sollen und dass Angst, Überraschung, Ärger, Ekel, Verachtung, Trauer und Freude in der heutigen Forschung als die sieben Basisemotionen anerkannt sind. Mit gespannter Miene fragte mich der ScrumMaster: „Und wie erkenne ich nun, wann welche Emotion zu sehen ist? Kannst du mir noch ein wenig mehr darüber erzählen?“ Ich nickte und fuhr mit meinen Ausführungen fort: „1969 haben die Wissenschaftler Ekman, Sorensen und Friesen in ihrer Studie „Pan-Cultural elements in facial displays of emotions“ dokumentiert, dass der Ausdruck der Basisemotionen kulturübergreifend gleich ist (1). Charles Darwin war einer der Ersten, die sich mit dem Ausdruck von Gefühlen in der Mimik (= Miene) auseinander gesetzt haben. Seiner Meinung nach enthüllen „die Bewegungen der Mimik die Gedanken und Absichten eines Menschen mehr als Worte“. Heute ist die Mimik das am besten beforschte Handlungsfeld der nonverbalen Kommunikation (2).”

 

Die Wahrheit steht uns ins Gesicht geschrieben

Fest steht, dass es einen Zusammenhang zwischen unserer Mimik und dem limbischen System (= Emotionszentrum) gibt. Das bedeutet, dass eine Veränderung bzw. Bewegung in unserer Mimik (z.B. Stirnrunzeln, Mund verziehen, etc.) eine Aktivität im limbischen System verzeichnet. Dieses Aktivitätspotential nennt sich sensorisches Feedback der Mimik und ist ein integraler Bestandteil unserer Empathie, die uns, je stärker sie ausgeprägt ist, dazu befähigt zu erkennen, wie sich andere Menschen gerade fühlen, was sie brauchen könnten oder von uns wollen. Denn fest steht: die Wahrheit steht uns ins Gesicht geschrieben. Das sensorische Feedback der Mimik ist mit verantwortlich dafür, dass wir in einem Gespräch die mimischen Gesten unseres Gegenübers unbewusst und kaum erkennbar nachahmen. Auf diese Weise stellen wir eine gefühlsmäßige Verbindung zum anderen her und verstärken das eigene Gefühl dafür, was im Gesprächspartner gerade passiert. Darüber hinaus bewirkt nicht nur eine Bewegung in der Mimik eine Bewegung im limbischen System, sondern auch umgekehrt! Wenn wir etwas fühlen, zeigt sich dies meist auch in der Mimik. Auch wenn wir die Emotion unterdrücken möchten oder uns dieser noch nicht bewusst geworden sind.

 

Dieser ganz kurze, unbewusst zum Ausdruck kommende und aus einer Emotion entstandene Ausdruck in unseren Gesichtern nennt sich Mikroexpression. Sie zeigt sich in emotional intensiven Momenten (z.B. bei Ärger oder Skepsis, Panik oder während eines Streits) 40 bis 500 Millisekunden lang (bzw. kurz) und soll dem Gegenüber eigentlich verheimlicht werden. Da sich eine Mikroexpression der Kontrolle unseres bewussten Denkens und Handelns vollständig entzieht, weil sie direkt von unserem Emotionszentrum gesteuert wird, ist sie als Signal für ein bestimmtes Gefühl äußerst zuverlässig. Ihr sehr kurzes Auftreten hat für uns zur Folge, dass, wenn wir mimische Signale bei unseren Mitmenschen erkennen und auf Grundlage dieser Analyse diese interpretieren wollen, braucht es vor allem eins: Übung.“

Der ScrumMaster schaute mich mit skeptischem Blick an und entgegnete auf meine Ausführungen: „Das klingt alles ziemlich spannend. Aber die Theorie kann ich auch in Büchern nachlesen. Kannst du mir nicht etwas Handfestes geben. Wie kann ich Mimik denn nun verstehen lernen, um besser, vielleicht schneller, achtsamer gegenüber meinem Team zu reagieren?“ „Wenn du mimische Signale deiner Mitmenschen erkennen, treffsicher interpretieren und achtsam damit umgehen lernen möchtest, dann solltest du erstens Mimik lesen (= Mimikscouting) lernen, zweitens Mimik entschlüsseln (= Mimik(en)coding) lernen und drittens achtsam mit den erhaltenen Informationen umgehen (= Resonanztraining) können.”(2)


Emotionen erkennen lernen 

Hier sind zwei einfache Übungen, die ein erster Schritt dahin sind.

 

Übung 1: Fotoapparat

Diese wunderbare Übung kannst du auch mit den Mitgliedern deines Teams ausprobieren. Stellt euch zu zweit gegenüber. Einer von euch übernimmt die Rolle des „Objekts“, der andere ist der „Fotoapparat“. Der Fotoapparat beobachtet nun aufmerksam das Gesicht des Objekts. Irgendwann schließt der Fotoapparat seine Augen. Daraufhin verändert das Objekt genau eine Sache in seinem Gesicht. Bitte verändert eure Mimik anfänglich so, dass es nicht ganz so schwer für euer Gegenüber ist (z.B. Mund auf oder Augenbrauen stark anheben). Später darf es dann auch gerne schwerer werden. Hat das Objekt etwas verändert, tippt es den Fotoapparat an, der dies zum Anlass nimmt, seine Augen kurz zu öffnen und dann gleich wieder zu schließen (wie ein Augenzwinkern). Mit geschlossenen Augen ahmt der Fotoapparat nun das nach, was er „gesehen“ hat. Er kann es auch beschreiben, wenn die mimische Veränderung zu schwierig ist, um sie nachzumachen. Wechselt euch nach fünf Versuchen ab und gebt euch danach gegenseitig Feedback zu dem, was ihr erlebt/gesehen oder nicht gesehen habt.

 

Tipp zur Ausführung: Achtet wirklich darauf, dass ihr als Fotoapparat nur kurz eure Augen öffnet. Verlasst euch auf euer Gefühl. Es wird euch den Weg verraten.

 

Übung 2: Emotionen erkennen im Selbst-Test

Wenn du diesen Link anklickst, kannst du kostenlos den Selbst-Test „Emotionen erkennen“ machen. Finde heraus, wie gut deine Fähigkeit ist, die Gefühle in den Gesichtern anderer Menschen zu erkennen.“

Der ScrumMaster strahlte mich an und ich sagte zu ihm: „Scheint, als hätte ich dich neugierig gemacht und du bist schon ganz gespannt, wie gut die Übungen funktionieren.“ „Das stimmt“, antwortete er. „Hast du noch einen letzten Tipp für mich, bevor ich in meine Team-Retrospektive gehe?“

„Ja, den habe ich“, entgegnete ich ihm. „Wenn du in die Gesichter deiner Teammitglieder schaust und dich probieren magst, dann beachte zwei wichtige Regeln:

  1. Trenne deine Wahrnehmung und Beobachtung immer von deiner Interpretation.
  2. Mimik verrät dir nie, warum ein Gefühl aufgetreten ist.“

 

 

Literatur


(1) Ekman, P., Sorenson, E.R. & Friesen, W. V. (1969). Pan-Cultural elements in facial displays of emotions. Science 164 (3875), S. 86 – 88.

 

(2) Eilert, D. (2013). Mimikresonanz-Trainerausbildung. Eilert-Akademie, Berlin.