Wie oft hören wir die Geschichte von dem Mann, der sein ganzes Leben lang geschuftet und darauf hingearbeitet hat, in seiner wohl verdienten Rente dieses oder jenes erleben zu können. Doch als er endlich sein Ziel erreicht hatte, stellte er fest, dass er es wegen körperlicher Gebrechen, fehlender Vitalität oder dergleichen nicht mehr umsetzen konnte. Diese Erzählung dient meist als Wink mit dem Zaunpfahl, sich nicht mehr auf den Weg zu machen, sondern ihn endlich auch wirklich zu gehen. Heute und jetzt. Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum. Eine Aussage, die man oft von Jugendlichen zu hören bekommt, wenn sie nach ihrem persönlichen Lebensmotto gefragt werden. Als bor!sgloger Consultant ist man versucht zu sagen: „Doing as a way of thinking!“
Bei einer bierseeligen Diskussion sprach ich lange mit Freunden über das Planen und Anstreben von Zielen. Über den richtigen Zeitpunkt für Kinder und Karrieresprünge und über unsere Wünsche für die Zukunft. Wie schön und motivierend es doch sein kann, sich auf den Sommerurlaub 2014 in Kenia zu freuen und wie sehr man für dieses Ziel manch anderes hintan gestellt hat.
Als Scrum Consultant war ich bei dieser Diskussion oft mit mir im innerlichen Clinch. Wie – Zukunft planen? Wie – langfristige Ziele anstreben? Soll es denn sinnvoll sein, das Leben auf Ereignisse auszurichten, die viele Monate oder gar Jahre entfernt stattfinden könnten? Steigt nicht die Erwartungshaltung exponentiell mit der Dauer der Vorfreude und sind nicht gerade dann Abweichungen vom lange anvisierten Zielbild schwer zu verkraften? Viele von uns haben die eine oder andere Urlaubsenttäuschung schon erlebt, wenn der Strand zwar lang und weiß, aber viel zu stark mit sich in der Sonne räkelnden Leibern übersät ist. Durch ein wenig Distanz und mit klarem Verstand wäre es nicht sonderlich schwer gewesen, sich vorzustellen, dass die aus dem Internet gebuchte Reise mit Frühbucherrabbat in der Zeit der Schulferien auch von zwei oder drei anderen Menschen genutzt wird.
Es gibt viele Beispiele für solche unerfüllten Erwartungen an Dinge, Ereignisse und Produkte, die vor uns liegen. Ich frage mich nur, warum es uns so schwer fällt, diese Unwegbarkeiten beim Blick in die Zukunft zu akzeptieren. Wir verweigern regelrecht die Erkenntnis, dass es genauso wenig möglich ist, die Vergangenheit zu verändern wie die Zukunft zu kontrollieren. Gerade in der Wirtschaft verharren wir im Wunschdenken. Wenden unendlich viel Kraft und Ressourcen auf, um möglichst alles unter Kontrolle zu bekommen. Irgendwann hat sich der Glaube breit gemacht, man könnte mit viel Planung, Einsatz und noch mehr Papier oder Powerpointpräsentationen den Lauf der Dinge bestimmen.
Ich bin überzeugt, dass mit dem Framework Scrum eine Zusammenarbeit kultiviert werden kann, mit der alle Fähigkeiten der Beteiligten so gebündelt werden können, dass Unvorhersehbares zum Impuls für Neues umgemünzt werden kann. Ein Weg, der Disziplin, Respekt und vor allem Wertschätzung für die Beobachtungen, Erfahrungen und Perspektiven jedes Einzelnen braucht. Kein einfaches Unterfangen, aber eines das sich lohnt verfolgt zu werden.
Als ich mich in der für mich typischen begeisterten, mit vollem Einsatz für die Sache diskutierenden Art ein wenig verstiegen hatte, meinte eine Freundin: „Dass Du im Hier und Jetzt lebst, ist doch klar. Was bleibt Dir auch anders übrig. Die Vergangenheit hast Du verdrängt und Zukunft hast eh keine!“ Es ist schön, solche wertschätzende Freunde zu haben.
(Genießen Sie eine kurze Auszeit)