In der Produktentwicklung im Allgemeinen und in der Software-Entwicklung im Speziellen sprechen wir davon, komplexe Systeme zu entwickeln. Komplexe Systeme definieren sich bspw. so: “.. each agent in a system is ignorant of all behaviors of the system. If an agent ‘knew’ the entire system, the complexity of the whole system would have to reside in that agent.” (Jurgen Appelo: Management 3.0: 2010: 108-109) Die ursprüngliche Definition stammt von Paul Cilliers und nennt sich Darkness Principle. Ausgehend von dieser Definition komplexer Systemen benötigen wir die Sicht von möglichst vielen Beteiligten, um einen einigermaßen vollständigen Blick entstehen zu lassen. Konkret: Wir benötigen nicht die Stimmen und Blickwinkel weniger oder eines Einzelnen, sondern die des gesamten Teams und der wichtigsten Beteiligten.

Genauer betrachtet heißt das auch: Wenn wir komplexe Systeme betrachten und abbilden möchten, tappen wir zu großen Teilen im Dunkeln. Wir haben einen dunklen Raum, möchten ihn erhellen und haben nur Kerzen zur Verfügung. Jede dieser Kerzen hat das Potential, einen gewissen Teil des Raums auszuleuchten, einige strahlen heller, andere flackern. In jedem Fall gilt es alle Kerzen zu entzünden, um möglichst viel zu erkennen. Genau das machen wir im Sprint Planning 1: Wir entzünden möglichst viele Kerzen.

Wir arbeiten in Teams zusammen, um das möglichst beste Bild entstehen lassen zu können. Etwas entstehen lassen, für das einer Person die Fähigkeit und der Blickwinkel fehlen. Dass sich das Potential mehrerer Menschen entfaltet, ist nicht immer einfach, jedoch eines dürfen wir nicht vergessen: Das Ergebnis unserer Interaktion ist unser Ergebnis von Zusammenarbeit.

Hinter dem Sprint Planning 1 versteckt sich die Idee, Menschen eine Stimme zu geben. Wir brauchen den Blick und die Geschichten von allen, damit wir verstehen, was die Anforderungen an das System sind. Es ist notwendig, dass jeder seinen Teil zum Ganzen beiträgt und dass dieser Beitrag gehört werden muss, damit wir erfolgreich zusammenarbeiten können. Es ist die Weisheit der Vielen, auf die wir zugreifen und wir müssen zulassen, dass jeder Informationen und Wissen besitzt, das für unsere nächste Mission unabdingbar ist. Diese Information nicht einzuholen wäre nicht nur respektlos – es wäre verschwenderisch und riskant.

Damit eine Diskussion entsteht, benötigen wir einen Anlass zur Diskussion. Wenn alles vermeintlich klar ist, ergibt sich wenig Diskussion, wenig Dialog. Doch genau den brauchen wir, damit wir klären können, was  interpretiert und was verstanden wird. Treffen wir auf zu genaue Instruktionen, so verhindern die Details oftmals, dass sich Menschen darüber austauschen. Wir benötigen also für einen gelungenen Austausch, für ein gelungenes Sprint Planning, auch eine gewisse Instabilität in den Anforderungen an unser Produkt. Genau so viel, dass der Dialog entstehen kann und genau so viel, dass es zum Zeitpunkt der Umsetzung keine Unterbrechung gibt. Herausfordernd, ja, und trotzdem kein Ding der Unmöglichkeit.

Wie wird das Sprint Planning zum Candle Light Dinner und nicht zum Drive-In beim nächsten Junk-Food-Palast?

Zunächst hilft es, nicht zu früh loszufahren und das Ziel sollte beim Losfahren nicht zu weit entfernt sein. Sonst trifft man auf dem Weg schon auf den nächstbesten Junk-Food-Palast oder ist zu früh im Restaurant – wir wollten ja ein Dinner und kein Lunch. Also lieber etwas später und dennoch rechtzeitig losfahren. Jetzt heißt es, richtig und rechtzeitig abbiegen und noch vor dem Eintreffen beim Restaurant alle Schlüsselfragen zum Menü geklärt zu haben. Hier nimmt man am besten auch alle Gäste mit ins Boot, d. h. jeder sollte vorher die Karte gesehen und gelesen haben, um Wünsche und Anmerkungen zu äußern. Nun können wir besten Wissens und Gewissens eintreffen. Im Restaurant angekommen, verhandelt und entscheidet man noch kurz über die Details: Wer sitzt wo, was möchten wir trinken, was essen wir und was gibt es zum Dessert? Während wir das tun, zündet unser Kellner die Kerzen am Tisch an und wir gleiten einem schönen Abend entgegen.

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Sven spricht viele Sprachen: Von Java und Perl über C# bis XML - sogar ein wenig Japanisch kann er. Der erfahrene ScrumMaster, Product Owner und Software-Architekt aus Nürnberg gibt unumwunden zu, dass er gerne und viel redet, vor allem über Agile Softwareentwicklung im Allgemeinen und Scrum im Speziellen. Aber es gibt immer wieder einen Moment, in dem es ihm vor Freude die Sprache verschlägt: Wenn er erlebt, wie die Menschen, die er auf ihrem Weg mit Scrum unterstützt, plötzlich den Wert ihrer Arbeit spüren.
  • Thomas G.

    Ahhhhh…Erster!! Hast Du gut geschrieben. Warum so schwer Scrummen, wenn es auch so geht? Komisch, irgendwie habe ich jetzt Lust auf McDonald’s. Warum nur ;-)?