. .

In meiner Ausbildung zum systemisch analytischen Business Coach an der E.S.B.A. (European Systemic Business Academy) wurden wir von „unserem“ Hans Tomaschek immer wieder mit unserer Haltung konfrontiert und zu einem sensiblen Umgang motiviert. Viel wurde in die Eigenreflexion investiert, um in die Lage versetzt zu werden, unseren potenziellen Kunden möglichst neutral begegnen zu können. Ein wichtiger Punkt hierzu war der Fokus auf die Beachtung von Grenzen. Sowohl die eigenen als auch jene des Gegenübers. Der Psychotherapeut Hans Tomaschek bezeichnet als Grenzgebiet jenen Bereich, in dem wir das Gefühl bekommen, dass sich jemand in unsere persönlichen Belange einmischt oder in unserer Persönlichkeit Schaden zufügt.

Wir sind ein Hoheitsgebiet

Er vergleicht uns und unsere Seele mit einem Land, einem Gebiet, einem Hoheitsbereich, in dem nur wir zuständig und verantwortlich sind. Eine wunderbare Landschaft, in der es uns selbst obliegt, wie wir mit den bestehenden Chancen umgehen. Ob wir Landwirtschaft zur Selbstversorgung betreiben oder ob wir unsere fruchtbaren Flächen brach liegen lassen. Ganz egal, was und wie wir mit uns tun, wir sind verantwortlich für uns und unser Handeln. Eine Grenzverletzung ist für den „Eindringling“ ebenso von Bedeutung, wie für denjenigen der das unerlaubte oder unbeabsichtigte Übertreten seiner Grenzen zulässt. Wie soll es gelingen, das persönliche Hoheitsgebiet meines Partners, Mitarbeiters, Teammitglieds wahren zu können? Es ist eine große Herausforderung, mit den fremden und eigenen „Landesgrenzen“ behutsam und sorgsam umzugehen.

In einer guten Partnerschaft, einer langjährigen Freundschaft sind solche Grenzverletzungen unter bestimmten Rahmenbedingungen ohne größere, nachhaltigere Beeinträchtigungen der Beziehung möglich oder zumindest wieder reparierbar. Es entwickeln sich Rituale, an denen man erkennt, wenn es passiert. Funktionierende Partnerschaften bauen über Jahre eigenen Mechanismen auf, die einen Umgang mit diesen Verletzungen möglich machen. Jedoch sind diese sozialen Bindungen von großem Vertrauen, Nähe und dem Wissen um die Fähigkeit, Konflikte für beide Seiten handhabbar gestalten zu können, getragen.

Menschen, die in Beziehungen stehen und arbeiten, in denen diese Vertrauensbasis und Sicherheit noch fehlt, haben größere Probleme mit den eigenen und fremden Grenzen. Was darf ich meinem Gegenüber zumuten? Wie kläre ich diese gefühlten Angriffe? Oje, jetzt bin ich meinem Kollegen aber zu nahe gekommen? Wie soll ich mich verhalten?

ScrumMaster sind Grenzschützer

Aus den oben exemplarisch aufgezählten Fragen, vor die man sich in vielen Arbeitsbeziehungen gestellt sieht, ergeben sich entsprechende Verhaltensweisen. Im schlimmsten Fall werden die interpretierten Reaktionen zum Gesprächsthema, eine Gruppe „Gleichverstehender“ bildet sich und das schwarze Loch der Mobbingspirale beginnt alles an anderen Perspektiven und Neutralität zu verschlingen. Ich bin der Meinung, dass scharfe, klare und erkennbare Grenzen der erste Schritt dafür sind, eine Grenzüberschreitung zu vermeiden. Oder kann man Unschuldsbekundungen Glauben schenken, wenn ungebetene Gäste auf meinem von einer hohen Mauer umgebenen Grundstück stehen? Je besser die Nachbarschaft funktioniert, umso unbedeutender werden unsere Schutzzäune und Schutzmauern.

Wir ScrumMaster haben in diesem Sinne eine wichtige Funktion im Scrum Flow. Als Change Agents arbeiten wir in einer Umgebung, die durch die Veränderungen kaum Sicherheit bietet. Es gibt immer wieder Situationen, in denen Vertrauen erst erreicht werden muss. Es gibt nur noch wenige gewohnte Abläufe, die Sicherheit geben. Man kommt rasch in Versuchung, Unsicherheiten dadurch zu beheben, uns in gewohnte Abläufe zurückzuziehen oder Prozesse zu verändern. Wir sind verantwortlich dafür, auf das Framework und die dafür notwendigen Rollen zu achten und den Menschen, die diese Rollen mit Leben erfüllen, Unterstützung zu bieten. Wenn es klar ist, dass der Product Owner für die Belange des Produktes verantwortlich ist, das Team die Verantwortung für die rasche, qualitativ hochwertige, technische Umsetzung und der ScrumMaster für den Scrum Workflow hat, dann sollte die Grenze genau abgesteckt und klar erkennbar sein. So gelingt es uns, für alle Beteiligten ein Mindestmaß an Klarheit und Sicherheit zu bieten.

Dies bedeutet aber, dass wir ScrumMaster unser Augenmerk auf die Einhaltung dieser Grenzen legen sollen. Wir dürfen uns als ScrumMaster nicht in die Belange des Product Owners einmischen, seien die Beweggründe auch noch so ehrenhaft oder bieten pragmatische Lösungen. Es liegt am ScrumMaster, mit dem Team den idealen Termin für die Meetings mit dem PO zu finden, aber der PO ist und bleibt der alleinige „Herrscher“ über das Produkt und die dazugehörigen Artefakte. Ebenso darf das Team verlangen, dass sich niemand nach dem gegebenen Commitment unaufgefordert einmischt oder die Lieferung in Frage stellt.

Speziell in einem Umfeld, in dem versucht wird, über Scrum einen Wandel zu mehr Agilität zu beginnen, stehen die Teams im Brennpunkt zwischen „neuer“ und „alter” Welt und es ist meiner Ansicht nach die ursächliche Aufgabe eines ScrumMasters, genau darauf zu achten, dass diese Grenze nicht überschritten wird.

Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Avatar of Martin Stallmaier
Dass Ab-Arbeiter wieder zu Mit-Arbeitern werden – das fasziniert Martin Stallmaier an Scrum. Anstrengender als jede Veränderung findet er nämlich den Stillstand. Wenn alles in festgefahrenen Bahnen kleben bleibt und der Geist langsam vertrocknet. Dabei ist es so einfach: Rasches Feedback, gegenseitige Inspiration im Team und lösungsorientierte Kommunikation legen die Talente des Einzelnen frei. Dadurch entsteht nicht nur Innovation, sondern auch der individuelle Sinn, der für Menschen den Spaß an der Arbeit ausmacht.