Aus dem Tagebuch eines ScrumMasters

Kennst du jemanden, der ein Hobby hat und es mit Leidenschaft pflegt? Ich habe neulich von einem Modelleisenbahner-Kongress gelesen. Eine ganze Halle wurde da mit Schienen zugepflastert. Alles – von der Schiene über die Lok bis hin zum Bahnwärterhaus – war im Maßstab 1:10 im Stil der 60er-Jahre nachgebaut.

Wer macht so etwas? Wer ist verrückt genug, sich nach Feierabend in seiner Garage zu verschanzen? Wer investiert Wochenenden und Urlaub damit, einer längst verlorenen Welt nachzurennen?

Zum einen müssen das Menschen sein, die ihre Prioritäten ganz klar vor Augen haben. Sie müssen nicht lange überlegen, ob sie jetzt eventuell vielleicht doch noch eine halbe Stunde für ihr Hobby investieren. Nein, sie schaffen sich die Freiräume einfach, weil sie für das brennen, was sie da tun.

Zum anderen sind das Menschen, die in der Beherrschung einer spielerisch geschaffenen, klar abgegrenzten Realität Erfüllung erfahren. Wie ein Kind, das stundenlang Holzklötze in immer neuen Variationen auftürmt, versinkt auch der Hobbyfreund in eine Wirklichkeit mit eigenen Regeln und Rollen. Dass diese Wirklichkeit mit dem Alltag wenig bis gar nichts zu tun hat, ist natürlich beabsichtigt. Denn nur so kann das Hobby seine eigene Schwerkraft entwickeln und uns aus dem Sog des Alltags entziehen.

Hast du die Kollegen in deinem Team mal gefragt, was sie nach Feierabend und am Wochenende gerne unternehmen? In Entwicklungsteams habe ich immer wieder mit Leuten gesprochen, die mit Code-Katas und Coding-Dojos etwas anfangen können und auf Code Conventions Wochenenden verbracht haben. Andere werden mit diesen Begriffen nichts anfangen – und trotzdem ihre Freizeit damit verbringen, an Open Source-Software mitzuwirken oder bestehende Programme mit Hilfe von Skripten oder Parsern zu modifizieren.

Wenn du das nächste Mal hörst, dass ein Team leer zu laufen droht, weil nicht alle Mitglieder zu hundert Prozent ausgelastet sind – dann frag das Team doch einfach mal, womit sie die zwei oder drei Stunden am Nachmittag verbringen würden, wenn sie vollkommen frei entscheiden könnten. Also nicht fragen, was alles sonst noch zu machen wäre, sondern worauf das Team Lust hat. Manager befürchten häufig, dass das Team dann ins Schwimmbad oder Eis essen geht (was übrigens eine hervorragende, weil spontante Teambuilding-Maßnahme sein kann).

Meine Erfahrung ist eine andere: Teams nutzen solche Freiräume meistens, um ihre innere Zensur aufzugeben („was wird von mir erwartet“) und statt dessen auf sich selber zu hören („worauf haben wir heute so richtig Lust?“). Ich habe ein Team erlebt, das dann spontan sein Videokonferenz-Tool neu kompiliert hat, um bei laufenden Verbindungen Emoticons einblenden zu können. Der ScrumMaster hat Pizza besorgt und die Stimmung war so fröhlich und ausgelassen, dass man noch eine Woche später die Nachbeben spüren konnte. Ein solcher Nachmittag wird – und darf! – mit der eigentlichen Arbeit im Sprint nichts zu tun haben, denn der Reiz liegt ja gerade in der Abstraktion vom Alltag hin zu einer Spielwiese, auf der man sich einfach mal austoben kann.

Wichtig dabei: Die Teammitglieder danach fragen, was sie gemacht haben – und  wie es gelaufen ist. Falls die Zündung stattgefunden hat: Unbedingt wiederholen, zum Beispiel einmal wöchentlich kurz vor Feierabend. Denn ein Team, dass seine Freiräume zu nutzen weiß anstatt däumchendrehend auf Vorgaben zu warten, ist ein gutes Teams.

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Mit der „Rechtfertigung von politischer Autorität“ hat sich Bernd Krehoff in seiner Dissertation an der Universität Oxford auseinander gesetzt. Und das, obwohl er noch nicht wusste, dass er mit diesem Thema der praktischen Philosophie auch die alltäglichen Fragen der Führung in Scrum berühren würde.
  • http://twitter.com/borisgloger Boris Gloger

    Wäre das nicht ein tolles Motto für 2013? Mehr von dem tun, was man tun will? Seinen Bedürfnissen nachgeben und auf diese Weise das Potential in sich nutzen?