Die offenen Fragerunden bei Vorträgen zur agilen Softwareentwicklung sind die spannendsten, weil dort viele Unsicherheiten deutlich werden und der Redner mit Erfahrungsberichten glänzen kann. Gespannt hängt man an seinen Lippen und wartet auf das ultimative Lösungsrezept verschiedenster Probleme.

Bei einem der letzten Vorträüge, die ich besucht habe, wirkte ein Teilnehmer etwas verzweifelt und legte all seine Hoffnung auf die Lösung seiner Fragestellung: „Wie kann man einen Stein motivieren?“

 

Mir fehlte etwas bei der Frage! „Welche Kompetenzen muss ich als verantwortlicher Rollenträger mitbringen, um einen guten Job zu machen und einen Stein zu bewegen?“

 

Wie kann man einen Stein motivieren? Es gibt noch Menschen, die mehr Agilität durch Scrum ablehnen? Anscheinend! Es ist was Neues, was Unbekanntes und demnach nicht ganz überraschend, wenn man Gegenwind bekommt. Wenn das der Fall ist, liegt das Augenmerk umso mehr auf den erforderlichen Kompetenzen der verantwortlichen rollentragenden Personen. Als verantwortlicher Rollenträger heißt es einen Stein nicht nur bewegen zu dürfen, zu wollen, sondern auch zu können. Dies wiederum bedarf einiger Fähigkeiten und Fertigkeiten, aus einem Stein vielleicht einen Schwamm zu machen und das funktioniert mit Sicherheit nicht durch Überredungskunst, Druck oder dem Patentrezept für Steine bewegen.

Jeder Stein ist anders

Es gilt doch, jeden besonders zu betrachten und ihn überzeugend in seiner Individualität abholen zu wollen? Der eingangs erwähnte Fragesteller hat nun einen Stein in seinem Team. Einen Menschen mit verschränkten Armen, der einfach nicht mitmachen will. Für ein Team ist es jedoch wichtig, dass alle mitmachen und an einem Strang ziehen. Nur wie?

Dem Rollenverantwortlichen ScrumMaster beispielsweise, werden aus meiner Sicht ganz spezielle Kompetenzen abverlangt. Nicht nur Fach-, Methoden-, Sozial- oder Personale Kompetenz, die zum Teil als generelle Handlungskompetenz bezeichnet werden, sondern auch Kern- und Veränderungs-kompetenzen. Er muss verschiedene Perspektiven einnehmen können und das durch kommunikative Kompetenzen, Empathie und Konfliktlösekompetenz versuchen umzusetzen. Warum ist der Stein ein Stein? Hat es berufliche Gründe? Private? Darf ich so nah an jemanden herantreten und fragen? Reicht es da aus, einen Entwickler zum ScrumMaster zu ernennen, weil er im Vergleich zu den anderen Entwicklern in punkto soziale Kompetenz besser abschneidet, oder ein Wochenendseminar besucht hat? Ich denke nein!

 

copyright Dolores Omann

 

Als ScrumMaster entwickelt man zum Hauptteil auf der Teamebene und zu nicht weniger wichtigen Anteilen gilt es, Impediments zu lösen. Diese betreffen und laufen erfahrungsgemäß in mehrere Richtungen. Auf fachlicher Ebene gibt es Herausforderungen, die ein tieferes Wissen verlangen. In der methodischen Umsetzung als auch in der Art, wie ich die Impediments löse, gilt es strukturiert vorzugehen. Mit wem muss ich beispielsweise reden, um eine Lösung herbeizuführen. Welche sind dabei die effektivsten Fragen? Hinzu kommen noch persönliche Aspekte, wie ich kommuniziere und wie ich als Empfänger die Informationen verarbeite. Als ScrumMaster sollte mich auch die Stimmung im Team interessieren, um dann gegebenenfalls teambuildende Maßnahmen anzubieten, um zu intervenieren. Face to face Gespräche mit einzelnen Teammitgliedern verlangen weitere Kompetenzen und auch interne kleinere Machtkämpfe oder politisches Gerangel am Rande. Wie kann ich unterstützen und demjenigen bei seiner Entwicklung  im permanenten Veränderungsprozess behilflich sein? Wie vereinbare ich Ziele oder hole mir Commitments ein? Wie gehe ich als ScrumMaster damit um, wenn ich zeitweise als störend empfunden werde, weil ich all diese Dinge verlange?

Wenn nicht bewegen, dann mitnehmen

Jeden Tag gilt es, sich diesen Fragen zu stellen. Warum Scrum? Warum bewegen, wenn stehen bleiben doch so bequem ist? Die Fragen kommen und ja es gibt Steine, es können sogar kleine Mauern sein. An einem Tag läuft alles gut und an anderen Tagen zweifelt man an seinen Stärken. Manchmal ist man dem Team sehr nahe und verbunden und dann muss man selbst die Distanz suchen, um objektiv zu bleiben. Das ist normal! Der ScrumMaster benötigt ein stabiles Rückgrat und ein dickes Fell. Er muss sich reflektieren können, sich in Frage stellen lassen und immer wieder Position beziehen. Das verlangt Stärke und einen nicht weniger umfangreichen Koffer an Kompetenzen. Übernimmt man diese Rolle innerhalb eines Teams sollte man sich darüber im Klaren sein!!!

 

Dieses Zusammenspiel von Kompetenzen, jeden im Team abholen zu wollen und sich jeden Tag auf neue und kleinere Widerstände einzustellen und sie zu lösen, verlangt in meinen Augen so viel mehr. Da reicht es einfach nicht aus, wenn man wie die Jungfrau zum Kinde eine Rolle innerhalb eines Teams auferlegt bekommt. Da heißt es, sich darüber im Klaren zu sein, dass Widerstand existiert. Diesen wird man nicht lösen, indem man sich vor eine Gruppe von Menschen stellt und laut schreit „mir nach!“ und die, die nicht wollen, als Stein liegen lässt. Einen Tipp wie man einen Stein motivieren kann, kann ich pauschal nicht anbieten. Aber ich weiß: Wenn die Situation kommt, besitze ich genügend Kompetenzen, um ihn mitzunehmen.

Weil man nur etwas bewegen kann, wenn man auch etwas tut, kann Ina Kurrek mit dem einfachen Satz „Doing as a way of thinking“ sehr viel anfangen. Aus eigener Erfahrung weiß sie, dass nicht das Vermeiden stark macht, sondern das Agieren. Ihr Lieblingswort ist: Warum? Den Status quo zu hinterfragen – auch ihren eigenen -, ist der Ausgangspunkt jeder Veränderung und was Ina fasziniert, sind die vielen Ebenen und Perspektiven, durch die sie die Menschen in diesem Prozess begleitet.
  • Boris Gloger

    Schöner Artikel über den ScrumMaster – Widerstand ist tatsächlich zu erwarten, immer. Warum auch nicht – er erzeugt die Energie beim anderen, sich mit den neuen Dingen auseinander zu setzen.