Diagnose: Selbstüberschätzung! Wir alle leiden darunter, eine Volkskrankheit sozusagen. Wir finden uns selbst und unser Handeln gut und denken, wir können alles besser als die anderen. Die anderen nämlich unterschätzen wir gerne. Natürlich kann ich besser einparken als die Kleinwagenfahrerin da vorne. Natürlich weiß ich besser über meinen Gesundheitszustand Bescheid als der Arzt – ich habe ja schließlich gegoogelt. Der Kollege wird das Meeting nicht halb so gut moderieren können wie ich. Pah! So schnell wird mir keiner etwas vormachen! So oder so ähnlich sieht es in vielen Köpfen aus.

 

Selbstüberschätzung ist ein Wahrnehmungsfehler, eine kognitive Verzerrung, wie die Psychologen es nennen. Rolf Dobelli (in: Die Kunst des klaren Denkens, 2011) lehnt sich an die Arbeit von Alpert/Raiffa an, die dieses Phänomen den Overconfidence-Effekt nennen. Wir alle tragen diese Eigenart in uns, können uns nicht dagegen wehren. Aber müssen wir es denn? Ohne diese Überschätzung würden wir keinen einzigen Schritt vorankommen. Der erste Schritt ist immer ein Versuch, immer ein Risiko, immer ein Wagnis. Daher ist das sogar gut, dass wir uns selbst überschätzen. Trial and error kann nur so funktionieren. Wir lernen bei jedem Schritt etwas dazu und kommen dem Ziel ein Schritt näher. Und genau damit nähern wir uns einer realistischen Einschätzung an. Wenn wir aber nur eine Chance zum Schätzen haben, dann sollten wir uns an der pessimistischsten Variante orientieren. Mit dem Wissen, dass wir zu hoch gestapelt haben.

 

Was bringt uns diese Erkenntnis in unserem Scrum-Alltag, zum Beispiel den Product Ownern?

Zum einen: Schwankt das Team in seiner Schätzung, nimm den pessimistischeren Wert. Das Team überschätzt sich möglicherweise. Zum anderen: Gib deinem Team eine Vision, die es anspornt, einen Schritt weiter zu gehen. Eine Vision, die die Möglichkeit gibt, sich an hohen Zielen zu orientieren. Und gib ihnen die Möglichkeit, oft auszuprobieren. Je mehr Versuche in der Entwicklung, desto besser das Produkt. Je häufiger Schätzungen stattfinden, desto realistischer werden sie sein.

Selbstüberschätzung in kleinen Dosen und zielgerichtet angewandt, kann sehr gewinnbringend sein, eine Überdosis jedoch ist schädlich. Und seien Sie sich stets bewusst, dass sie immer bei uns ist. Männer sind davon übrigens häufiger betroffen als Frauen, die sich danach also realistischer einschätzen. Ein weiterer guter Grund für Diversity im Team.

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In ihrer Arbeit sieht Deborah Weber sehr deutlich, wo die Vorteile agiler Ansätze in wirtschaftlicher und menschlicher Sicht liegen: Die Wertschöpfung in den Arbeitsprozessen steigt. Jeder Mitarbeiter weiß, wofür er oder sie arbeitet und identifiziert sich mit den Produkten. Dass jeder Mitarbeiter seinen Stärken gemäß eingesetzt wird, wirkt motivierend und hebt die Produktqualität. Um an diesen Punkt zu gelangen, schafft sie den Überblick über den gesamten Prozess und arbeitet mit vollem Einsatz und mit allen Betroffenen am Gelingen der Veränderung.