Vor kurzem ist mir ein Buch über Montessori-Pädagogik in die Hände gefallen. Ich habe es aufgeschlagen und bin direkt im Kapitel “Polarisation der Aufmerksamkeit und Stille” gelandet. Nun bin ich kein Spezialist in der Pädagogik und das, was ich in den nächsten Minuten las, war sehr faszinierend.

Laut Maria Montessori versinken kleine Menschen (Kinder) immer wieder in Phasen von Stille und Konzentration. In diesen Phasen widmen sie sich ganz ihrer Tätigkeit und schaffen es, sich von Ablenkungen zu isolieren. Das gelingt ihnen, wenn sie

a) ihre Tätigkeit, wie auch das Material für die Tätigkeit frei wählen können,

b) sich in einer vertrauensvollen Arbeitsatmosphäre befinden,

c) und eine Umgebung vorfinden, die einen geeigneten Rahmen für die Tätigkeit zur Verfügung stellt.

Tritt nun diese Phase ein, passiert das: “Und jedes Mal, wenn eine solche Polarisation der Aufmerksamkeit stattfand, begann sich das Kind vollständig zu ändern. Es wurde ruhiger, fast intelligenter und mitteilsamer. Es offenbarte außergewöhnliche innere Qualitäten, die an die höchsten Bewusstseinsphänomene erinnern, wie die der Bekehrung.” [1](Montessori). Hier spricht man von einem großen Lernschritt mit persönlichkeitswirksamer Entwicklung.

Auch Erwachsene können versinken

Nun rückt mein Laienwissen in den Vordergrund: Ich persönlich denke, dass wir diese Entwicklung nicht nur als Kind durchleben, wir als Erwachsene haben es jedoch vermeintlich schwerer. Wie oben erwähnt sind für einen so intensiven Zustand bestimmte Faktoren notwendig: Selbstbestimmung sowie ein stabiles und vertrauensvolles Umfeld. In unserer heutigen Hektik ist das selten der Fall, außer man hat einen Rahmen, evtl. eine Methode, die dafür sorgt. Warum spreche ich von einer Methode und ja, im nächsten Satz dann genauer von Scrum? Meines Erachtens finden sich die drei Punkte in einem korrekt umgesetzten Scrum wieder:

a) Wenn jedes Teammitglied im Sprint die eigene Tätigkeit selbst wählt (PULL) und selbst bestimmt, WIE etwas umgesetzt wird (Autonomie des Teams). Wichtig ist auch die Gestaltung des Arbeitsplatzes anhand der eigenen Bedürfnisse.

b) Wenn sich ein Scrum-Team in einer vertrauensvollen Arbeitsatmosphäre befindet, da der Sprint stabil bleibt und kontinuierlich gemeinsam in Retrospektiven gegenseitiges Vertrauen aufgebaut wird.

c) Wenn der ScrumMaster dafür sorgt, dass die Organisation sich an den Bedürfnissen des Teams ausrichtet und er stetig daran arbeitet, dass der Rahmen den gegenwärtigen Ansprüchen gerecht wird.

Mihaly Csikszentmihalyi spricht von einem “Aufgehen im Tun”, das sich in einer “inneren Beteiligung” widerspiegelt. Diese Beteiligung ist notwendig für den Lernprozess und man spricht bei der “Selbstvergessenheit der Tätigkeit”  von “Flow”. [2] (Csikszentmihalyi) In diesem Zusammenhang steht ein weiterer Aspekt: “Der gelungene Abschluss einer Arbeit spornt zu weiteren Leistungen an und fördert die Ausbildung intrinsischer Motivation nachhaltig.” [3] (Klein-Landeck)

Auch hier sehe ich Parallelen zur agilen Organisation bzw. zur lernenden Organisation. Ein “Aufgehen im Tun” finde ich grundlegend im agilen Mindset wieder. Wir experimentieren und schaffen Ergebnisse, wir tun etwas und können aufgrund eines Ergebnisses – einer funktionsfähigen Lieferung – echte Fakten bewerten. Dass Individuen motivierter sind, wenn sie sich so beschäftigen können, verwundert nicht. Und ich denke, für Teams gilt das auch.

Alles in allem freue ich mich immer wieder, wenn ich Hintergründe aus anderen Fachbereichen finde, die mir in unterschiedlichen Facetten zeigen, warum Agilität funktioniert. Die Praxis zeigt es ja immer wieder, dass es klappt. Nur sind die theoretischen Hintergründe über die verschiedensten Disziplinen verteilt, zumeist jedoch schon sehr lange erforscht.

 

[1] - Mario M. Montessori (2008): The Human Tendencies and Montessori Education

[2] - Mihaly Csikszentmihalyi (1991): Das flow – Erlebnis: Jenseits von Angst und Langeweile: im Tun aufgehen

[3] - Michael Klein-Landeck (2009): Fundgrube für die Freiarbeit Englisch: Praxismaterialien zum selbsttätigen Lernen nach Montessori

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Sven spricht viele Sprachen: Von Java und Perl über C# bis XML - sogar ein wenig Japanisch kann er. Der erfahrene ScrumMaster, Product Owner und Software-Architekt aus Nürnberg gibt unumwunden zu, dass er gerne und viel redet, vor allem über Agile Softwareentwicklung im Allgemeinen und Scrum im Speziellen. Aber es gibt immer wieder einen Moment, in dem es ihm vor Freude die Sprache verschlägt: Wenn er erlebt, wie die Menschen, die er auf ihrem Weg mit Scrum unterstützt, plötzlich den Wert ihrer Arbeit spüren.