Wir leben in einer verrückten Welt. Einer nahezu unüberschaubaren, unkontrollierbaren Welt. Als ich vor einigen Jahren an der Universität BWL-Vorlesungen besucht habe, war ich von den apokalyptischen Reden der Professoren gelangweilt, die den Umbruch der industriellen Welt propagierten und Themen wie Globalisierung skizzierten oder die informations- und kommunikationstechnische Revolution ausriefen. Das alles klang surreal, hochgradig theoretisch und als wäre es eine Geschichte von einem anderen Stern. Wenn ich mich heute umschaue, die Zeitung lese, meine Kunden nach ihren Problemen frage, dann stelle ich fest, dass der Umbruch der Wertschöpfungsstrukturen in vollem Gange ist – und zwar in Lichtgeschwindigkeit. Unternehmen, die der Meinung sind, man könne in aller Ruhe abwarten und diesen Trend vorbeiziehen lassen, erleiden Schiffbruch und werden von den entfesselten Kräften der Zukunft überrollt. Wenn eine jahrelang erfolgreiche und gut aufgestellte deutsche Firma innerhalb weniger Monate 90 Prozent ihres Umsatzes einbüßt, dann fällt es reichlich schwer, zur Tagesordnung über zu gehen. Stellt man dann auch noch fest, dass dies kein Einzelfall ist, wenn man sich Branchen wie den Maschinenbau, die Automobilzulieferindustrie, Nutzfahrzeuge oder Banken ansieht, dann bleibt auf eine solche Diagnose nur eine rettende Reaktion: den Tatsachen ins Auge sehen und interne Strukturen an die externen Veränderungen anpassen, um auch in Zukunft noch fähig zu sein, sein Geschäft weiterführen zu können.

 

Alt, aber aktuell: Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung

Dieses Vorhaben ist jedoch eng mit Begrifflichkeiten wie Innovation und Produktentstehung verknüpft. Und ein Überleben in der Zukunft wird nur dann möglich sein, wenn durch permanente Innovation ständig neue und marktfähige Produkte entwickelt werden. Diese Feststellung ist nicht wirklich neu – im Gegenteil. Sie galt bereits vor 100 Jahren und feiert einen runden Geburtstag. In Joseph A. Schumpeters 1912 verfasster „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ wird Innovation als „das Grundphänomen der wirtschaftlichen Entwicklung“ (Schumpeter, 2006, S. 103) bezeichnet und darauf verwiesen, dass Wirtschaft ohne etwas Neues (Innovatives) statisch sei und ein Wachstum so gut wie unmöglich ist. Haben sich denn die Zeiten nicht geändert? Gelten heute nicht ganz andere Gesetzmäßigkeiten. John Kao, japanischer Innovationsforscher, verneint diese Fragen und betont Schumpeters Postulat, in dem er sagt: „In der Welt von morgen ist Innovation noch weit stärker als heute der entscheidende Motor des Fortschritts und Treibstoff der Wirtschaft.“ (Kao, 2008, S. 9) Und auf Deutschland bezogen warnt Kao davor, alle Kräfte auf das Schritthalten mit den „Riesen“ (Romberg, 2010, S. 34) – China und Indien gemeint – zu fokussieren und sich auf die Suche nach anderen Formen der Beschäftigung mit hoher Wertschöpfung zu machen: „Es (Deutschland) muss sich von der Fertigung lösen und der Produktentwicklung zuwenden. Das Problem Deutschlands ist, dass es wenig vorbereitet ist auf die mit einem solchen Übergang verbundene kreative Zerstörung.“ (Kao, 2008, S. 12f)

 

13 von 100 und es bleiben 6

Stimmt, Herr Kao. Aber leider auch leichter gesagt, als getan. 82 Prozent der Projekte in der Entwicklung halten laut dem Chaos Report von 2005 ihr Ziel nicht. Die Verquickung von Zeit, Kosten und Qualität wird zum Bermudadreieck, das jeglichen visionären Wettbewerbsvorteil im Laufe des Vorhabens verschluckt, weil Projekte entweder verspätet fertig werden, fehlerhafte Ergebnisse liefern und/oder den Kostenrahmen sprengen. Gründe dafür sind u.a. der Einsatz nicht validierter Techniken und Technologien, ein fehlendes Projekt-Frontloading oder fehlende Kundenorientierung.

Eine Innovation beginnt in der Regel mit einer Idee, die ein Problem lösen soll und in einem planbaren, strukturierten Ablauf ein neues, erfolgreiches Produkt zum Ergebnis hat. Das besagt zumindest die graue Theorie. In der Praxis treten plötzlich ganz andere Phänomene zu Tage. Es kommt zur Umsetzungslücke. Nach Kriegesmanns Analysestudien am Institut für angewandte Innovationsforschung (IAI) in Bochum werden aus 100 offiziellen Produktideen lediglich 13 auf dem Markt eingeführt. Von diesen 13 generieren bloß sechs einen Erfolg. In Anbetracht solcher Zahlen sollte man statt von Umsetzungslücke eher von „Umsetzungsgraben“ (Romberg, 2010, S. 35) sprechen.

Diesen müssen wir schnellstmöglich überwinden. Dazu braucht es vor allem dreierlei:

  • eine klare Innovations- und Entwicklungsstrategie, die die vielen und guten Ideen bündelt, kanalisiert und auf ein Ziel hin ausrichtet (Lean Mindset);
  • ein Entwicklungssystem, das eine Abdeckung von der Ideenfindung über die Entwicklung des Prototypen bis hin zur Markteinführung ganzheitlich erreicht, also ein durchlaufzeitenorientiertes Lean Development System mit kürzesten Durchlaufzeiten und einer durchgängigen Pull-Kultur sowie
  • die klare Fokussierung auf den Faktor „Mensch“, denn Innovationen werden schließlich von Menschen gemacht.

 

Literatur

John Kao (2008). Innovation. Wie sich die USA und Europa neu erfinden können. Murrmann Verlag.

 

Bernd Kriegesmann (2007). Innovationskulturen für den Aufbruch zu Neuem. Gabler Verlag.

 

Andreas Romberg (2010). Schlank entwickeln und schnell am Markt. Wettbewerbsvorteile durch Lean Development. Log_X Verlag

 

Joseph A. Schumpeter (2006). Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Duncker und Humboldt.

 

 

TIPP: Seminar mit Don Reinertsen am 10. und 11. September 2012 in München – “Second Generation Lean Product Development. Applying the Principles of Flow”. Alle Informationen hier.