Die Case Study über P/Mod in München hat eine tolle Diskussion über Störungen, während des Sprints ergeben. Es freut uns, dass ihr die Summer School so rege verfolgt. Diese Woche beginnen wir das Thema Teamführung zu beleuchten. Dieter schreibt im Leitartikel über Führung in Scrum Teams. Boris wird im Branchenbericht über Führung im Sozialen Netzwerken schreiben, unser Case Study wird den StudiVZ beleuchten und wie immer bringen wir weitere interessante Aspekte zum Thema am Donnerstag. Ich freu mich schon jetzt auf das Cartoon von unserem Cartoonisten Joachim am Freitag. Das letzte Cartoon in Anlehnung an die drei Affen war ein echtes Highlight.

“Teamführung in Projekten – vorgesetzt oder selbst gewählt?” von Dieter Rösner

Verfolgt man die politischen Prozesse seit der letzten Bundestagswahl 2009 in Deutschland, kann man ein faszinierendes Phänomen zum Thema Führung wahrnehmen: Von den Medien und anderen

“Experten” wird ein massives Führungsvakuum beklagt und die Führungsfunktion Nummer 1 – die Bundeskanzlerin – aufgefordert, “endlich Führung zu übernehmen”. Dies scheint aber irgendwie nicht zu gelingen.

Hier wird ein spezifisches Dilemma demokratischer Systeme deutlich: die starke Abhängigkeit der Führung von den Geführten, sprich den Wählern. Jede demokratisch gewählte Führung kann wieder abgewählt werden (und entnimmt den wöchentlichen Trendmeldungen ihre Einflussstärke). Daher ist sie mittelfristig bemüht, ihre Wähler “gnädig” zu stimmen (siehe Wahl in NRW) und verliert damit leicht die notwendige Führung aus den Augen. Wird aber nicht “gut” geführt, nimmt dies der Wähler auch wieder übel, und es kommt zu Vertrauensverlust und dem Abrutschen auf der Beliebtheitsskala, ganz zu schweigen vom Autoritätsverlust im Führungsteam (Regierung, siehe “Gurkentruppe, Chaosverein, Wildsau” etc.) – also ein echtes Dilemma politischer Führung in demokratischen Systemen. Ausgeglichen wird dieser “Schwachpunkt” durch das Agieren von Opposition, Medien usw., die hier als Regulativ wirken und größere “Katastrophen verhindern”.

Wo ist nun der Zusammengang dieser politischen Führungsthematik zu Teamführung bzw. lateraler Führung durch einen ScrumMaster?

Immer wieder wird die Frage aufgeworfen (z.B. auch in Scrum-Trainings), ob es nicht im Sinne von Selbstorganisation sinnvoller wäre, wenn sich Teams ihre Führung (oder den ScrumMaster) selbst wählen würden. Diese Frage ist m.E. mit einem klaren Nein zu beantworten.

Führung soll hier definiert werden als gezielte und legitimierte Einflussnahme auf Andere (Mitarbeiter) im Interesse eines übergeordneten Systems zu Bewältigung definierter Aufgaben und Leistungen. Eine gewählte Teamführung in diesem Sinne  kommt zwangsläufig in ein ähnliches Dilemma wie eine politisch-demokratische Führung, nämlich in starke Abhängigkeit von den Teammitgliedern. Die notwendige Führungsdistanz ist nicht oder nur bedingt zu gewährleisten und damit die Einflussnahme eingeschränkt. Es gibt keine legitimierten Regulative (siehe oben), die im Falle einer Führungskrise (z.B. Autoritäts- oder Vertrauensverlustes, Machtkonflikten usw.) die Situationen im Sinne des übergeordneten Systems gezielt und kompetent klären können. Beobachtbare Phänomene sind dann Chaotisierung, Verwahrlosung, Leistungsabfall, Auflösung.

Ein vom Management vorgesetzter Teamleiter (ScrumMaster) hat eine legitimierte Positionsmacht, ist nicht direkt abhängig vom Team (obwohl Teil desselben) und kann damit distanzierter Führung übernehmen und den situativ notwendigen Einfluss ausüben. Bei kritischen Teamsituationen sind die hierarchischen Interventionen der “Einsetzer” der Teamleitung das Regulativ, das im Interesse das Systems problemlösend handelt (oder handeln sollte). Zum Beispiel durch Stärkung der Leitung, Moderation oder durch Ändern der personellen Situation.

Vor- bzw. eingesetzten Teamleitern ist zu empfehlen, ihre Funktion und ihren Status  selbstbewusst zu vertreten und kein “schlechtes Gewissen” zu haben, auch in diesem Falle sind sie ein genuiner Teile der Selbstorganisation des Teams. Den Einsetzern ist zu empfehlen, sich ihrer Rolle als Regulativ bewusst zu sein und bei Bedarf gezielt und kompetent zu intervenieren.

Avatar of Dieter Rösner
Dieter Rösner gilt im deutschen Sprachraum als einer der herausragendsten Trainer und Pioniere in den Themenkreisen Moderationstechnik und Führung. Seit 20 Jahren zeigt er Menschen in Unternehmen die unterschiedlichen Facetten der Führungs- und Managementpraxis, der Team- und Organisationsentwicklung. Im Rahmen der externen Contrain-Collegs bildet Dieter Rösner Prozessbegleiter und Business Coaches aus. Für bor!sgloger übernimmt er das begleitende Coaching von Managementteams und Führungsverantwortlichen bei der Einführung von Scrum und behandelt die damit zusammenhängenden Aspekte der Organisationsentwicklung. Gemeinsam mit Boris Gloger hat er die Scrum Supplements entwickelt.
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  • http://xing.de/gunterdubrau Gunter Dubrau

    Schade, ich hatte von dem Artikel mehr erwartet. Die Realität hier bei meiner Firma (ca. 400 MA) zeigt ein anderes Bild. ScrumMaster, die als Teamleiter einen Führungsanspruch “regulativ” durchsetzen wollen, sind eher erfolglos und verderben das Betriebsklima. Andere wiederum, die kein Teamleiter-Anspruch haben (bzw. es garnicht sind), haben als ScrumMaster viel mehr Akzeptanz und Erfolg.
    Btw: “legitimierte Positionsmacht” basiert auf Unsicherheit ;-) Unsicherheit macht unberechenbar und agressiv. Keine Ahnung, wem das nützen soll.

    • http://borisgloger.com/members/boris-gloger/ Boris Gloger

      Hi Gunter, kurze Frage: Darf ein ScrumMaster darauf bestehen, dass die Regeln, an die man sich in Scrum halten muss eingehalten werden?

      - Timeboxing
      - Pünktlichkeit
      - Lieferung der Software?

      Ich denke schon. Die Frage ist natürlich, wie man das durchsetzt. Hier ist die Challenge, ein Teammitglied dahin zu führen, dass es diese Dinge im Idealfall von selbst einsieht.

      Aber manchmal muss man auch mal ein klares Wort reden.

  • http://borisgloger.com/members/dieter-roesner/ Dieter Rösner

    Hallo Gunter,

    diese Thematik lässt sich tatsächlich nicht “ideal” auflösen und bleibt immer ein Spannungsfeld, übrigens nicht nur bei Srum. Natürlich könnte ich auch Beispiele nennenn in der Regulative Eingriffe funktional und erfolgreich für alle Beteiligten waren. Mit geht es indiesem Artikel darum, aufzuzeigen, dass Führung/Management grundsätzlich Rahmenbedinungen schaffen, bereithalten und ggf. verteten muss.Im Mittelpunkt steht die Leistung eines Teams und der Funktionen wie z.B. ScrumMaster für das System nicht moralische Glaubenssätze oder Ideale. Die konkrete Realisierung von Führung in der Teampraxis u.a. durch den ScrumMaster efordert daher situatives “Fingerspitzengefühl” und muss sich funktional im Spannungsfeld zwischen “regulativ” und “freiraumgebend” bewegen. Positionsmacht ist im SInne lateraler Führung nicht die erste Wahl ( aber eine Option) sondern Persönlichkeit (Charisma), Beteiligung und Vertrauen.
    Gruß Dieter

  • http://borisgloger.com/members/dieter-roesner/ Dieter Rösner

    Zusatz.

    Legitimierte “Positionsmacht” kann ebenso, wodurch immer auch verursachte, “Unsicherheit” stabislisieren und die Ausgangasbasis für “gesicherte” (Arbeits-) Beziehungen sein