Es kommt mir manchmal so vor, als gäbe es zum Thema Scrum mindestens so viel Unwissenheit, falsches Wissen und missverstandene Praktiken wie zum Thema Sex. Als wir pubertierende Teenager waren, wussten natürlich alle wie es geht. Echte Erfahrung hatten viele von uns damals auch nicht. In der Bravo gabe es eine Kolumne, in der ein “Arzt” versuchte aufzuklären und die Ängste abzubauen. In dieser Kolumne beantworte ich eure Fragen. Stellt eure Fragen an drscrum@borisgloger.com. ————————————-

1. Ich bin ein frisch gebackener Product Owner und habe eine einfache Frage: Bei der Vorbereitung eines Sprints soll ja bekanntlich der Product Backlog geschätzt und priorisiert werden.

Genau — Der Grundsatz ist, dass du einen Product Owner nie zum Sprint Planning zulässt, wenn er nicht mit einem priorisiertem und geschätztem Product Backlog aufwarten kann. [1]

Gibt es da eine zu empfehlende Reihenfolge? Zuerst schätzen (durch das Team) und dann priorisieren (mit dem Management)? Oder umgekehrt? Oder ist das egal?

Wir lassen in der Regel zuerst das Backlog priorisieren, dann lassen wir es schätzen. Bei Product Owner Teams, haben wir ein”Business Value Estimation Meeting” vor der Schätzung eingeführt. Es dient dazu, dass sich die Product Owner synchronisieren können. Das löst das David-Problem [2].

2. Mich würde interessieren, ob es Erfahrungswerte und Meinungen zum
Einsatz von Scrum im Open-Source-Umfeld gibt.

Ich persönlich habe damit keine Erfahrungen gemacht, aber die Frage so gestellt ist mir an sich zu ungenau. Was meinst du denn genau: Meinst du,

1. dass ein Open Source Project mit Scrum gemangt werden kann? Warum nicht? Im Grunde stellt sich nur die Frage, wie schaffen wir es, dass wir uns gemeinsam über das Ziel für den nächsten Sprint einigen.

2. dass ein Team auch Open Source Produkte einsetzt? Wo stellt sich hier das Problem? Ein Team nutzt eine externe Software. Wenn sie entscheiden, diese Software zu nutzen, dann müssen sie sicherstellen, dass diese Software ihr technisches Problem löst. Weshalb haben sie es denn sonst ausgewählt? (Passiert übrigens im Sprint Planning 2, oder bereits auf strategischem Level.)

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[1] Ken Schwaber, Agile Software Development with Scrum.

[2] Was tut man mit mehr als einem Product Owner und mehreren Product Ownern. Boris Gloger, Scrum — Produkte zuverlässig und schnell entwickeln, 2. Auflage, München, 2009

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„Mut“ ist jener Wert von Scrum, mit dem sich Boris Gloger am stärksten identifiziert. Er hat in seinem eigenen Leben keine Angst vor radikalen Entscheidungen und vor dem Glauben an eine Idee. Für kein Geld der Welt würde er sich Regeln unterwerfen, die keinen Sinn machen. Er glaubt an Scrum, weil es nicht nur bessere Produkte, sondern auch eine bessere und menschlichere Arbeitswelt schaffen kann.
  • Sebs

    Scrum@Open Source ist meist ein Problem. Kommt darauf an wie das projekt geführt ist. Wenn es kein Projekt ist das von einer Person gesteuert wird (z.B. Phyton) und auf einem Karma System basiert (PHP) dann wird es schwer.
    Ich würde heute kein OS Projekt mehr ohne Agile Mehoden anfangen, Python/Zope udn Co. haben hier viele Dinge vorgeführt. Ich glaube man bekommt Scrum zum funktionieren, wenn man es einfach von Anfang an Durchsetzt.
    Viele Leute haben ja generell ein Problem in OS -Projekten wirklich “professionell” zu arbeiten und sich auch weiterzuentwickeln. Da kommen immer mal wieder Argumente wie “Wir arbeiten hier nicht für Geld”, “Das ist unsere Freizeit” etc. pp. Die kommen bevor die Vorteile erkannt werden .
    Wo man am Arbeitsplatz dann meist ne Schulung bekommt ist in OS- projekten viel gefähliches Halbwissen unterwegs (wie bei den meisten Leuten die noch nicht an der scrum-Nadel hängen), das macht es schwer.